Toleranz statt Wahrheit?!

Auf der Suche nach den Denkern unserer Zeit

„Pluralismus und Toleranz sind Kinder der Säkularisierung. Sie repräsentieren die Entschlossenheit einer Gesellschaft, sich und ihren Bürgern keine Weltanschauung aufzwingen zu lassen“. Mit diesen Worten beschreibt der baptistische Professor der Theologie Harvey Cox die ihn umgebende Welt im Jahr 1968. Er verbindet den Begriff der Säkularisierung mit dem auf Dietrich Bonhoeffer zurückzuführenden „Mündigwerden des Menschen“ und wirft Fragen auf, die es sich auch oder vielmehr gerade im Jahr 2020 lohnt zu stellen. Im Pluralismus leben heißt, eine konfliktreiche Pluralität von Überzeugungen, Weltbildern, Wahrheitsansprüchen und Lebensweisen auszuhalten – zu dulden – zu tolerieren?

Am 06. Januar diesen Jahres hat die Weltgesundheitsorganisation eine neue Viruserkrankung beobachtet, die in China ausgebrochen ist. Wenige Wochen später, am 16. März schließt Deutschland seine Grenzen und Geschäfte und legt das Leben, wie wir es kennen mehr oder weniger lahm. Das Virus breitet sich aus und die Menschen rücken nicht nur im wortwörtlichen Sinne auseinander. Ein Virus, das im Stande ist, Familien und Freunde mindestens im Geiste zu spalten. Die so genannten Verschwörungstheoretiker auf der einen, die provokant ausgedrückt, Intellektuellen auf der anderen Seite?! Monologe treffen aufeinander und ein „den anderen überzeugen wollen“ rückt an die Stelle, an der Toleranz vielleicht die Wende hin zum Dialog schaffen könnte. Sind verschiedene Wahrheitsverständnisse der Grund? Ist es „dieser“ Pluralismus, der ein Unbehagen in der Modernität auslöst und Identitätskrisen erzeugt, die eine gemeinsame Vorstellung von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität und Würde eines jeden Menschen nicht mehr möglich machen? Oder ist vielmehr das große Problem, dass es mindestens in diesem Fall nicht den einen Grund allen Übels gibt?! Dass die Suche nach der Ursache für Hygiene Demonstrationen und den Rechtsruck, der schon lange kein Ruck mehr ist, besser gestern als heute zu einer Suche nach Interventionsmöglichkeiten werden sollte?

Dabei lohnt es, in der Geschichte zurück zu gehen und zwar weiter zurück als zu Karl Poppers Toleranz-Konzept, in dem es letztendlich wieder die eine intellektuelle Elite gibt, die die Grenzen der Toleranz gegenüber der Intoleranten nicht anders zu verteidigen weiß, als mit Gewalt. Wo wir erneut im Hier und Jetzt und bei dem selbst ernannten Krieger Attila Hildmann wären, der erst vor wenigen Tagen zum bewaffneten Kampf für „die Freiheit unseres Vaterlandes“ aufgerufen hat und ich mich nicht gegen den plötzlich aufploppenden Gedankengang Max Horkheimers verwehren kann, der sagte: „Philosophie ist dazu da, dass man sich nicht dumm machen lässt“. Also schnell wieder in der Geschichte der Philosophie zurück bis in die Höhle Platons und einen Blick wagen, was uns die großen Denker nun raten würden. Bei Platon (ca. 428–348 v. Chr.) ist die Welt, wie der Mensch sie erkennt, vom Dualismus der wahren und der schattenhaften Wirklichkeit geprägt. So wird der Mensch im Höhlengleichnis von der vergänglichen „Sinneswelt“ getäuscht, doch kann ihn sein Geist, wohnhaft in der unsterblichen Seele, über das unfehlbare Wissen der „Ideenwelt“ im Denken ans Licht führen. Nur wenig später führt der eigene Schüler Aristoteles (384–322 v. Chr.) die Überlegungen Platons fort. Nicht mehr die Ideenwelt ist der Dreh- und Angelpunkt der Dinge sondern das Wesen der Dinge liegt seiner Meinung nach in den Dingen selbst. Er reflektiert die Dinge, die ihn umgeben und stellt sich unter anderem die Frage danach, was den Menschen eigentlich glücklich macht. Er kommt zu dem Schluss, dass es darum gehen müsse, diejenigen Faktoren zu identifizieren, die dafür Sorge tragen, ob der Mensch ein gutes oder weniger gutes Leben führt. Er entwirft eine Liste von 11 Tugenden, die der Mensch ausfindig machen kann, um sie anschließend besser in sich selbst pflegen und somit auch in anderen ehren zu können. Als Beispiel schlägt Aristoteles die Kommunikation vor, deren gutes Gelingen essentieller Bestandteil eines guten Lebens sei. Dabei verweist er darauf, dass Menschen, denen Tugenden fehlen, Zeit, Übung und Ermutigung anstelle von Ermahnungen brauchen. Für Aristoteles liegt der Schlüssel zum Erfolg im gegenseitigen Verständnis und besseren Lehrern. „Aber auch die Tugend wie das Laster steht bei uns. Denn wo das Tun in unserer Gewalt ist, da ist auch das Unterlassen, und wo das Nein, da auch das Ja.“ (Aristoteles: Nikomachische Ethik: 1113b7)
Es ist wieder das Miteinander, das eine seiner drei Vorstellungen von Freundschaft ausfüllt, die er in den Büchern VIII und IX der Nikomachischen Ethik beschreibt. Der wahre Freund – jemand, der dir ebenso viel bedeutet, wie du dir selbst, dessen Freud und Leid du teilst und der dein Leben um das eines Anderen erweitert. Für Aristoteles bedeutet die wahre Freundschaft ein gemeinsames Wachstum und macht den besten Teil des Lebens aus. „Nur wenn die Liebe dem Werte des Anderen entspricht, ist jene Gleichheit vorhanden, welcher der Freundschaft eigen ist.“ (Aristoteles: Nikomachische Ethik, 1158b (VIII,8.)) Auch mit der Frage nach der Aufgabe der Kunst beschäftigt sich der Philosoph. Die Tragödie als vorherrschende Darbietungsform in den Open-Air Theatern seiner Zeit, schaffe es durch das Aufzeigen schrecklicher Dinge, die einen Jeden ereilen können, die Wahrheiten über das Leben tief in den Köpfen der Menschen zu verankern und für mehr Mitgefühl zu sorgen. „Durch Kunst aber entsteht alles das, wovon die Form zuvor im Geiste ist.“ (Aristoteles: Metaphysik, 111)

Mit einem unwesentlichen Sprung in der Geschichte steigt Hegel im 18. Jahrhundert an der Stelle ein, an der Aristoteles und Kant seiner Meinung nach bereits aufhörten. Für den Philosophen Hegel ist die Aussage Kants, dass dem Menschen der letztendliche Zugang zu den Dingen verwehrt bleibe, ungenügend. Darin besteht für ihn ein Stehen bleiben an entscheidender Stelle – es entsteht die Furcht vor der Wahrheit und ein Unterliegen eines Irrtums. Gehe man immer nur vom Irrtum aus, so hemme bereits dieser Gedanke den Erkenntnisprozess. Hegel gelangt zu einer entscheidenen Veränderung im Rahmen der Metaphysik, indem er die stetige Trennung von Subjekt und Objekt im Erkenntnisprozess aufhebt und stattdessen in Beziehung zueinander setzt. Denn erst in der Relation der beiden, kann laut Hegel die Erkenntnis gewonnen werden. Die Veränderung der Betrachtung, verändert die Erkenntnis über den Gegenstand. Ein in Bezug zueinander setzen beschreibt wohl am besten, was Hegel bis heute zu einer entscheidenden Stimme macht. Für ihn lässt sich ein wichtiger Teil unserer Selbst in der Geschichte wiederfinden, von dem wir lernen können. Jede Epoche sei ein Fundus für bestimmte Ideen und Weisheiten, die uns abhanden gekommen sind und wir sie im Zurückblicken wieder entdecken können. Dabei verweist Hegel bspw. auf Extreme, hinter denen oftmals eine Idee steckt, die es sich lohnt näher zu betrachten, um ihr begegnen zu können. Welche grundlegende Vorstellung steckt hinter dem Nationalismus? Ist es ein Bedürfnis, stolz auf seine Herkunft zu sein? Verstärkt es meine Identität, die ich anders nicht im Stande bin zu entdecken? Für Hegel ist dabei der Fortschritt stets etwas chaotisches, ein Prozess der Dialektik, der nur langsam von Statten gehen kann. Und so wirft auch er einen Blick auf die Kunst, die zweifelsohne eine Aufgabe erfülle – „Die sinnliche Präsentation von Ideen“. Sie diene zur Verstärkung und Verankerung hilfreicher und wichtiger Gedanken in unseren Köpfen. Für Hegel braucht Wachstum ein Aufeinanderprallen verschiedener Ideen und das geschehe meist schmerzvoll und langsam. Was aber soll uns die Philosophie Hegels für unsere hin und wieder schmerzvolle Gegenwart sagen? Ganz einfach, sie „erlaubt uns, zu verstehen, wie aus potenziell gewaltsamen Konflikten soziale Bindungen erwachsen, und richtet sich damit an die Gegenwart und unsere Desorientierung.“ (Judith Butler)

Die Gedanken Platons, Aristoteles und Hegels zeigen auf, wie eine Reflexion unserer Umgebung möglich ist. Angefangen bei der Begrifflichkeit von Wahrheit, zeigen sie auf, dass es Unterschiede zwischen der Frage ‚Was ist Wahrheit?‘ und der Frage danach, ‚Wie Wahrheit geschieht?‘ gibt. Dabei muss es nicht darum gehen, welche Frage die richtige ist, erst einmal geht es darum, sich über die Fragen austauschen zu können. In eine Kommunikation zu gelangen, in der es einen Dialog statt einem Monolog gibt. In der Ermutigung an die Stelle von Ermahnung rückt und ein Lernen aus vorherigen Epochen und Ideen dazu beiträgt, Extreme zu hinterfragen und einen Austausch über die Beweggründe zu schaffen. Dass Freundschaft als bester Spiegel seiner Selbst in einer Gesellschaft voll Individualismus funktioniert und Kunst, eine Brücke sein kann, um zu verstehen ohne belehrt zu werden. Im Pluralismus leben heißt, eine konfliktreiche Pluralität von Überzeugungen, Weltbildern, Wahrheitsansprüchen und Lebensweisen wahrzunehmen. Es gibt nicht das eine Kriterium für eine gelungene multikulturelle Gesellschaft. Genauso wenig, wie es die eine Wahrheit und die eine Toleranz gibt, die einem jeden Menschen gleichsam begreiflich gemacht werden kann. Vielleicht ist es möglich, Wahrheit als eine Verlässlichkeit anzusehen, zu deren Erkenntnis uns der Wahrheitsdiskurs vergangener Jahrzehnte und Jahrhunderte geführt hat. Vielleicht können wir mit einem Blick zurück zum Wissen im Sinne der Erkenntnis, dem Dualismus als einer Waffe der Jetzt-Zeit begegnen und Vergleichen wie dem Virologen Christian Drosten mit dem nationalsozialistischen Kriegsverbrecher Josef Mengele oder dem Aufdruck „Impfgegner“ in einem Judenstern entschieden entgegen treten. Dabei muss es ein positioneller Pluralismus sein, der sich im Sinne einer Geltung des Eigenen und Achtung des Anderen als erster Schritt des Dialogs in den Köpfen der Menschen festigt. Was es heißt zuzuhören und selbst angehört zu werden, das lässt sich vermitteln und den Dialog als Weg zur Anerkennung in einer pluralen Gesellschaft begreifen. In einer modernen Gesellschaft begegnen sich verschiedene Glaubensrichtungen und Kulturen – mit der Globalisierung und Digitalisierung wird diese spirituelle, wie kulturelle Vielfalt zunehmen und kann eine Bereicherung für jeden Menschen in seinem Glauben darstellen. Der Pluralismus des 21. Jahrhunderts ermöglicht gewissermaßen ein kaum greifbares Maß an Überfluss, dessen man sich bewusst werden muss, um in seiner Fülle nicht den Blick für seinen Individualismus inmitten seiner Nächsten zu verlieren. Es bleibt eine Herausforderung, der Mündigkeit seiner selbst mit dem Blick auf seine Mitmenschen und die Welt, in der wir leben gerecht zu werden. Eine Aufgabe, in der Glaube und Wahrheit tragende Rollen spielen – und Anerkennung der erste Schritt ist.

„Es ist nicht ein narzißtischer Wortschwall, sondern die reif gewordene Frucht eines ernsten Ringes“ (Vilem Flusser)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: