Der Unterschied zwischen Beruf und Berufung

Ein Tag im Leben eines Fernsehredakteurs

Es ist 09:30 und die großen silbernen Tore mit der orangefarbenen Aufschrift ‚ZDF‘ an der Mittelstraße in Berlin öffnen sich. Das Morgenmagazin ist zu Ende und der Haupteingang für den Mitarbeiteransturm wieder frei gegeben. Mehrere silberne Fahrzeuge bahnen sich nach und nach ihren Weg aus der Tiefgarage und warten mit laufendem Motor. Eines davon wird uns gleich zum Drehort bringen – es fehlt nur noch der Redakteur.

IMG_4146 Peter Schiering vor Edvard Munchs ‚Portrait of Harry Graf Kessler‘ ©Marcus Bronst

„Ich hatte mir damals nicht vorstellen können, dass ich mal in 20 Jahren hier sitzen würde und über so eine Laufbahn spreche, die dann doch im Nachhinein betrachtet gradlinig aussieht aber alles andere als gradlinig war.“

Seit 1965 wird der Kultur im ZDF mit dem Format ‚aspekte‘ eine Plattform geboten – als  erste überregionale Kultursendung des deutschen Fernsehens. In Fragen rund um die Kunst hat sie vor 10 Jahren einen Experten hinzu gewonnen.

Der Redakteur Peter Schiering steuert auf den silbernen PKW zu, der, neben dem Team, aus Kamera- und Tonmann mit ordentlich Equipment beladen ist. Ein Mann, wie er nicht besser hätte in die Kunstwelt passen können – die neon orangenen Schnürsenkel finden ihre Fortführung im gleichfarbigen Streifen auf der mit Tarnmuster versehenen Hose und dem Einstecktuch, das unter einem Designerblouson hervor lugt. Noch einen doppelten Espresso aus dem kleinen Kiosk von nebenan – in aller Ruhe, bevor sich der Trupp allmählich in Bewegung setzt.

Ursprünglich wollte er Fotograf werden, erzählt der 51jährige während der knapp einstündigen Autofahrt. Er habe innerhalb erster Praktika und Assistenzen im Bereich der Werbefotografie dann jedoch erstmals festgestellt, was er nicht wollte. „Ich habe gemerkt, dass das nicht meine Welt ist, dass ich nicht mit Menschen, die so sehr an der Oberfläche interessiert sind, auf Dauer zusammenarbeiten möchte.“ Dass sein Interesse weniger der kommerziellen Seite als vielmehr der freien Fotografie, der freien Kunst galt, führte ihn daraufhin an Deutschlands erste Medienhochschule – an der er seinen Magister in  Kunstgeschichte, Philosophie und Medienkunst absolvierte.

„Ich habe damals in Baden-Baden gewohnt und beim Südwestfunk parallel zum Studium ein Kamerapraktikum gemacht – im Anschluss konnte ich beim damaligen Kulturreport, heute ttt, zwei Monate hospitieren.“ Es sollte das Bewegtbild sein, dass ein starkes Interesse bei dem Kunststudenten weckte.

„Ich habe rausgefunden, dass die Vermittlung für mich ein großes Thema ist – also einerseits war es die künstlerische Ader mit der freien Fotografie und andererseits das Gefühl, im Kunstbereich vermittelnd tätig werden zu wollen. Da war für mich dann die Kombination, die der Fernsehbereich bietet, sehr interessant.“

Unzählige Umleitungen durch die Berliner Baustellenlandschaft, ein Blitzer und ein leicht genervter Tonmann, dann erreichen wir endlich die Reinbeckhallen in Oberschöneweide. Hier ist Peter Schiering zum Interview mit einer jungen Künstlerin verabredet. Knappe fünf Minuten soll der Beitrag am Ende umfassen und ein journalistisch einwandfreies Portrait eines aufstrebenden Talents erzählen. Dass er einmal als Journalist unterwegs sein würde, habe er in Zeiten seines Studiums nicht gedacht. „Ich hatte nie das Ziel, Journalist zu werden, das hat sich im Prozess ergeben.“ Ein Prozess, in dem der Redakteur seine ganz eigenen Steckenpferde verfolgt hat und sich dabei selbst als ein akademisches Gewächs zwischen Kunst und Wissenschaft versteht. „Ich halte sehr viel von einer Spezialisierung im Journalismus – im Sinne von einer Kompetenz, die man erwirbt.“ Als klassischer Quereinsteiger sei es nicht immer nur schön gewesen, erzählt Schiering. „Es war oft auch der Sprung ins kalte Wasser, ganz nach dem Motto: Du stehst jetzt hier im Dienstplan nach der Hospitanz und morgen machst du News.“ Bei der Aktualität ist er nicht geblieben – im Laufe der Zeit zu erkennen, was der eigene Antrieb ist, auf welchem Gebiet man sich zu Hause fühlt, darum gehe es.

„Neben dem grundsätzlichen Ratschlag, den eigenen Impulsen zu folgen und heraus zu finden, was einen erfüllt, kann man sich vielleicht auch die Hilfsfrage stellen: möchte ich das wirklich 20, 30, manchmal 40 Jahre tun? Also der Unterschied zwischen Beruf und Berufung.“

Einen Unterschied, den ich aus einer versteckten Ecke heraus, live und in Farbe bei dem Interview mit der angepriesenen Künstlerin beobachten kann. Keinen Zettel mit vorgefertigten Fragen in der Hand, keine Spur von Selbstdarstellung vor den zwei Kameras und dem LED Scheinwerfer, der das Atelier in ein warmes Licht taucht. Ein Gespräch auf Augenhöhe, indem es um eine künstlerische Arbeit geht, die begeistert aber auch Fragen aufwirft, die es sich lohnt zu stellen.

„Ich glaube, guter Journalismus ist immer einer, der den Journalisten und dessen Standpunkt mit einbezieht, ohne mit einer vorgefertigten Meinung in ein Thema hineinzugehen.“ Es sei wichtig, viele Gespräche zu führen, direkt und persönlich auf Menschen zuzugehen und sich mit deren Meinung aktiv auseinanderzusetzen – auch und gerade, wenn diese einem nicht gefällt.

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Peter Schiering im Interview mit der Videokünstlerin Mika Rottenberg in Bregenz 2018

„Es braucht ein paar Grundfertigkeiten, einerseits ein starkes Interesse, das gekoppelt ist mit der Bereitschaft, den Dingen auf den Grund zu gehen und die zweite oder auch dritte Frage zu stellen, wenn das nötig ist.“

Von Berufung aber auch von einer Haltung spricht der Redakteur, der nie vor hatte einer zu werden, immer wieder zwischen den Zeilen. „Ich glaube wirklich, Journalismus ist nichts, was man als Job macht, dafür ist es zu anstrengend und zu schlecht bezahlt.“ Er betont sein Interesse und die zwingende Notwendigkeit für guten Journalismus. „Ohne öffentlich-rechtlichen Rundfunk – ohne unabhängigen Journalismus steht unsere Demokratie auf dem Spiel – ja ist in Gefahr. Das sehen wir gerade sehr stark bei all den Versuchen der Afd, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in seinen Grundfesten zu erschüttern.“

Es lohne daher einmal mehr, die Gedankenschleife zu machen, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen, um am Ende im Idealfall, Positionen abgleichen und dann die eigene Position vertreten zu können. „Eine ausgewogene Berichterstattung, die gut argumentiert die eigene Position vertritt – das finde ich eine für mich ziemlich gute Haltung.“

Das Interview neigt sich dem Ende zu und ich stelle fest, wie frei der Journalismus doch sein kann und wie streng sich ein Rahmen von fünf Minuten um die tagelange Arbeit legen wird. Dass es für den Redakteur auch wahre Sternstunden gibt, erzählt er mir auf der Rückfahrt, die diesmal zur Freude des Tonmanns ohne Blitzer und Baustellen verläuft. „Das war ganz klar die Entwicklung eines Formats, das ‚aspekte als Kunstwerk‘ heißt und darin besteht, einem Künstler 45 Minuten zu geben und das Ganze dann zum Kunstwerk zu erklären  – wir haben das Format Fernsehen an die besten Grenzen gebracht.“

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‚aspekte als Kunstwerk‘ mit Lars Eidinger und John Bock – September 2016

„Ich bin sehr freudig, an der Baustelle weiter zu machen und neue außergewöhnliche Sendungen zu konzipieren, weil wir in dem klassischen Format relativ stark durch formatiert sind mit den verschiedenen Stücken aus den einzelnen Kulturbereichen, klassischer Moderation und Studiogesprächen.“

Ein Format, das auch die Frage danach stellt, was möglich ist in dem Fernsehen, das ja mittlerweile keiner mehr schaut. „Fernsehen ist das Grundkonzept von einer audiovisuellen Vermittlung journalistischen Hintergrunds und ich glaube, dass man da gerade in diesen kreativen Grenzbereichen durchaus noch viele Experimente wagen könnte und sollte.“

Es ist dunkel, als wir das ZDF-Hauptstadtstudio erreichen. Das Material muss zum Einlesen in die internen Systeme, jetzt in die Hände der Techniker übergeben werden. Morgen wird gesichtet, der Schnitttermin besprochen und ein Text formuliert. Den mache er dann spontan am Schnittplatz bei einem schönen doppelten Espresso, sagt Schiering gelassen. Er verabschiedet sich und schlendert noch einmal Richtung Haupteingang. Er wolle nochmal ins Büro, etwas vorbereiten für seinen Verein ‚Salon Neucologne‘ – zur Förderung der Kunst und Kultur in Neukölln. Es sollen außergewöhnliche Kunstprojekte gezeigt und Menschen aus verschiedenen Umfeldern zusammengebracht werden – Unterhaltung, gesellschaftlicher Diskurs und Überraschung. Vermittelnd tätig sein, also auch über die Grenzen der Kunst hinaus in einem Ehrenamt. Aktuell bringt er Jugendlichen das Format Video näher. Das ist er wohl – der Unterschied zwischen Beruf und Berufung.

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