Dieser Beruf ist ein Marathon – kein Sprint

Dass die Figuren, die Jürgen Vogel seit Beginn seiner Schauspielkarriere in den 80er Jahren interpretiert, sich eher zwischen Schlägern und Dealern, statt Helden und Casanovas finden lassen, mag seinen Ursprung bereits in Vorbildern wie Robert de Niro in Taxi Driver gefunden haben. Er wird als ‚Ganzkörperschauspieler‘ bezeichnet, der sich mithilfe des richtigen Instinkts fallen lassen kann und über das Klischee des Bösewichtes mit den spitzen Eckzähnen wohl nur noch schmunzeln kann.

Schmunzeln – das tut der dieses Jahr 50 gewordene Junge im Körper eines tätowierten, stattlichen Kerls gerne und viel während unseres Interviews. „Ich würde sagen, ich bin so stecken geblieben im Alter zwischen 15 und 17, aber irgendwas anderes in mir ist schon sehr reif.“ Von Reife spricht Vogel weniger, wenn er über seine allerersten Berührungen mit der Schauspielerei erzählt. Mit einer Tasche in der Hand und der klaren Vorstellung, nicht wie der Großteil seines Abschlussjahrgangs Einzelhandelskaufmann werden zu wollen, ist er nach München an eine Schauspielschule gefahren – und hat es dort einen ganzen Tag lang ausgehalten: „Ich fand’s so furchtbar, wirklich!“ Neben den nicht vorhandenen unzähligen hübschen Frauen, von denen seine Kumpels berichtet hatten, ging es direkt los mit Sprachunterricht, Fechten, Improvisation. „Ich dachte, ich bin völlig falsch. Ich will ja Filmschauspieler sein und das war ganz klar Theater.“

Dass es der Film werden soll, steht für ihn zu diesem Zeitpunkt bereits fest. Seine Inspiration aus den 70er Jahren – de Niro in Taxi Driver oder Mean Streets von Scorsese. „Ich wollte Kriminelle spielen, das war ja das Einzige, was ich gedacht habe zu können und zu kennen. Da kam Theater nicht in Frage.“ Heute denkt er anders darüber, aber mit 17 waren die Vorstellungen etwas verschroben und das offenbar auch im Vergleich zu seinen Mitstreitern an der Schauspielschule, erzählt Vogel.

Die standen alle schon immer gern vorm Spiegel und haben von irgendetwas, das da in ihnen ist, erzählt und als ich dran war hab‘ ich gesagt: Ich will viel Geld verdienen, geile Autos fahren und viele Frauen haben. Das kam nicht so gut an und ich hab’s gar nicht verstanden – ich meine, das waren die 80er und eben meine große Motivation. Ehrlich kommt weiter, dachte ich.“

Ehrlich spielen hat ihn weitergebracht – eine Eigenschaft, die Vogel zu dem Schauspieler gemacht hat, der er heute ist. Jede seiner Rollen nehme er als eine Herausforderung wahr. Das Entstehen einer Figur beginne bereits beim ersten Lesen des Drehbuchs – das sei eine Art Baustein, der sich mit der eigenen Person, seiner Fantasie oder den Erfahrungen verbinden könne. „Am Anfang ist die Figur ein Rohling für mich und beim Lesen connecte ich mit bestimmten Vorstellungen, Gefühlen, Sehnsüchten und baue mir eine Masse zusammen, die zu einer Persönlichkeit wird.“ Es ist vor allem Bauchgefühl, das ihm bei diesem teilweise monatelangen Prozess hilft, der seinen magischsten Moment dann direkt zu Beginn der Dreharbeiten erfährt.

Was ich am ersten Drehtag fühle, das lasse ich nie wieder los, ob’s richtig oder falsch ist.“

Eine Konsequenz, die den Schauspieler schon mit manchen Regisseuren diskutieren ließ und scheinbar doch genau seine Qualität ausmacht. „Was ich beginne, das ziehe ich durch, von Anfang bis Ende. Eine Figur ist am ersten Drehtag geboren und lässt sich nicht mehr verändern: Ich weiß dann, wie ich atme, wie ich laufe, wie ich fühle, wie ich spreche, wie ich denke.“

Am Schluss bist du immer du und das kannst du nicht verlieren und so ist das auch mit meinen Figuren.“

Jeder Schauspieler versteht seine Rollen, Herangehensweisen, ebenso wie seine allgemeine Berufsbeschreibung anders. Für Vogel seien drei Faktoren entscheidend: Der eigene Anspruch, die Notwendigkeit, Geld verdienen zu müssen und die Kombination aus beidem. Aber gibt es für einen der bestbezahlten deutschen Schauspieler nicht ohnehin nur geile Jobs? Mit diesem Vorurteil möchte Vogel entschieden aufräumen.

Das gibt es doch in keinem Beruf, immer nur das aller geilste vom geilen zu machen. Es gehört zu unserem Job dazu, zu lernen und damit klar zu kommen, dass es nicht immer ein 1000% Job ist, du ihn aber dazu machen kannst.“

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Genau so, wie das Vermarkten der eigenen Person, in einer von Konkurrenzdruck beherrschten Branche notwendig ist. Die Zusammenarbeit mit einer Agentur ist heute für einen Schauspieler unerlässlich. So erledigt Sie einen Großteil der anfallenden Aufgaben, wie Terminabsprachen, Gagenverhandlungen und sorgt nicht zuletzt dafür, Arbeit zu akquirieren. Caster, Regisseure und Agenten sitzen oft bereits bei den Abschlussaufführungen der staatlichen Schauspielschulen im Publikum und halten Ausschau nach jungen Talenten. Ein Rezept, eine pauschale Regel, die du befolgst und die Karriere beginnt, die gibt es nicht, sagt Vogel. „Sich verkaufen, andrehen – das gehört alles zu dem Business dazu und ist eine gute Übung, weil man eben auch mit diesen ganzen Rückschlägen, die da passieren, klar kommen muss.“ Eigeninitiative, ein starker Wille und viel Arbeit, auch das ist Schauspielerei.

Dieser Beruf bedeutet und das sollte man vielleicht allen sagen, die denken, jetzt muss es aber langsam mal los gehen – dieser Beruf ist eine Langstrecke – das ist ein Marathon, das ist kein Sprint.“

Ein Marathon, der einen langen Atem und krasser Kondition bedarf, beteuert der 50jährige. Am Schluss gehe es jedes mal darum, sich neu zu erfinden. Dabei gibt es in jeder Rolle neue, andere Aufgaben zu bewältigen. Während es in einer seiner letzten Serien ‚The Team’ darum ging, einen Charakter über acht Monate zu erschaffen und diesen dann auf Englisch umzusetzen, forderte der anschließende Kinderfilm, eine Rolle mit zwei Persönlichkeiten, die nebenbei noch steppen und singen sollte.

Ich muss immer versuchen, irgendwas neues zu erfinden. Und das ist gleichzeitig mein größter Spaß an der Arbeit – jedes mal eine Herausforderung, weil ich immer versuche, eine Figur zu kreieren, die es vorher nicht gegeben hat.“

Auf die Frage hin, wie man es denn schaffe, bei all diesen verschiedenen Persönlichkeiten, dennoch seinen eigenen Charakter zu behalten, muss Vogel wieder herzlich lachen. „Ich glaube, meine Figuren sind wesentlich komplizierter als ich es bin. Sagen wir mal so, ich weiß, dass ich relativ einfach bin. Aber in mir stecken ziemlich viele, sehr komplizierte Personen.“

Dass sich mit Jürgen Vogel keine 0815 Karriere eines Schauspielers erzählen lässt, zeigt nicht nur die Summe seiner unzähligen Rollen bis heute. So wurde ihm 2006 der silberne Bär im Rahmen der Berlinale für eine herausragende künstlerische Leistung in dem gemeinsam mit Matthias Glasner produzierten Film ‚Der freie Wille‘ verliehen. Ein Film, der zweifelsohne nicht nur aufgrund seiner Länge von knapp drei Stunden etwas war, das es „ in dieser Form so schnell nicht wieder geben wird.“ Der Film erzählt die Geschichte eines Vergewaltigers, der nach seinem Aufenthalt im Maßregelvollzug, den Weg zurück ins Leben sucht.

Dieser Film war meine größte Herausforderung, das intensivste und krasseste – eine Art Jahrhundertwerk, wenn man so will. Weil es eben keine normale Herangehensweise war, wie wir recherchiert und an dieser Figur gearbeitet haben. Da ging’s nicht um Schauspielerei – absolut nicht. Es ging um Psychologie und um Menschen und um Abgründe, das beschäftigt mich sowieso mein Leben lang.“

Ein Arthouse Film, der wie so viele seines Wesens, keinen Schritt auf den Zuschauer zumacht, sondern diesen auffordert, auf ihn zuzugehen. „Ich habe das Gefühl, dass das Arthouse Kino mittlerweile europaweit tot ist und sich verlagert hat hin zur Serie. Also die Figuren, die Vielschichtigkeit und Tiefe einer Figur in Serien besser zu erzählen ist, als in einem Film – nicht ohne Grund hatte ‚Der freie Wille’ diese Länge.“

Eine Zukunft, die von vielen Filmschaffenden und -liebenden auch mit Sorge beobachtet wird. Jürgen Vogel aber sieht ihr positiv entgegen, auch im Hinblick auf die Schauspielerei. „Ich glaube, dass sich die Sehgewohnheiten verändern – wir wollen länger bei den Menschen bleiben, die wir da mögen oder hassen. Wir finden es einfach schade, eine Figur nach 90 Minuten zu verlassen und sie nie wieder zu bekommen.“

Für Schauspieler wie Zuschauer eröffnet diese rasante Entwicklung hin zur Serie und zum Streaming eine neue Dimension des Spiels auf der einen und des Betrachtens auf der anderen Seite. „Ich bin eh immer so, dass ich denke, egal was kommt, ich find’s eher positiv als negativ.“ Eine Eigenschaft, die in einer Branche voll Ungewissheit, Konkurrenz aber auch Kreativität und Selbstverwirklichung nicht nur bei Jürgen Vogel ein kleiner Baustein für eine große Karriere sein kann.

Fotos: Stefan Klüter
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