MeTooMuch

Wedel
Regisseur Dieter Wedel weist alle Vorwürfe zurück. FOTO Thomas Rabsch/laif

Wenn Berichterstattung Urteile fällt

#metoo flackert es zwischen Beziehungsratgebern, den aktuellsten Urlaubsfotos und tausendfach gelikten Katzenvideos auf den sozialen Netzwerken. Vielleicht eines dieser Blogger Phänomene, das, sobald der erste Beauty-Palace Abonnent bemerkt, dass ein Hashtag auf Facebook nicht sonderlich weit führt, wieder von den Bildschirmen verschwindet. Aber das Hashtag – das kleine Doppelkreuz bleibt. Im Gegenteil, es zeigt seinen Anhängern und Abgehängten welche Kraft, welche Reichweite es inne hat – MeToo wird zur weltweiten Debatte.

Eine Kampagne, die ihren Anfang nicht erst mit den jüngsten Enthüllungen sexueller Belästigungen und Gewalt innerhalb der amerikanischen Filmbranche findet. Bereits vor über zehn Jahren verschafft sich die Aktivistin Tarana Burke Gehör, indem sie dem alltäglichen Machtmissbrauch gegenüber dem weiblichen Geschlecht eine Plattform bietet. Dabei sei es ihr nicht um eine virale Kampagne gegangen, wie sie CNN in einem Interview berichtet. Vielmehr stehe eine Bewegung im Fokus, so Burke. Eine Bewegung, die sich nun, ein Jahrzehnt nach ihrer Entstehung beinahe überschlägt und auch vor Deutschland nicht halt macht.

 

Der Starregisseur Dieter Wedel, der von den 70ern bis in die späten 90er Jahre zu den erfolgreichsten Filmemachern Deutschlands zählte, steht nun ‚Im Zwielicht‘. Unter diesem Titel veröffentlicht das Zeitmagazin die Anschuldigungen dreier Frauen, die Wedel der sexuellen Übergriffe bezichtigen. Eine Thematik, die bei Weitem nicht nur auf inhaltlicher Ebene für Diskussionsstoff sorgt und Grenzen verschwimmen lässt. Eine Gratwanderung zwischen Denunziation und Berichterstattung im Zuge einer weltweiten Kampagne, die gesellschaftliche Themen von enormer Relevanz, wie Machtmissbrauch, Gleichberechtigung und sexuelle Gewalt behandelt. Und Medien, die im Zuge dessen zum Sprachrohr der Opfer werden und anklagen?

Wie weit darf Journalismus gehen, um seiner Orientierungsfunktion zur Meinungsbildung nachzukommen und „somit eine Grundlage für Demokratie und Freiheit“ zu schaffen? Und an welcher Stelle überschreitet er seine Grenzen und tritt das ‚Megaphon der Objektivität‘ ab?

Ob im Bereich des Hörfunks oder Fernsehens, der Print- oder Onlinemedien, unzählige Informationen finden ihren Weg zum Konsumenten und dort ihren eigentlichen Anfang. Eine Verantwortung und Kompetenz, der in Deutschland rund 85.000 Journalistinnen und Journalisten nachkommen.

Sozial und kulturell, in Alter, geographischer Herkunft, Konfession, Lebensstil, Temperament, beiderlei Geschlecht und allerlei Geschlechtlichkeit.

So beschreibt Klaus Kleber „eine Redaktion aus professionellen Journalisten […]“, welche die „beste Gewähr für umfassende, faire Berichterstattung“ liefern soll. Im Fall Wedel sind dies die Redakteurinnen Jana Simon und Annabel Wahba, deren Artikel ‚Im Zwielicht‘ am 03.01.2018 im Zeitmagazin erschien.

Nach zweimonatiger Recherche sind die schweren Vorwürfe gegen den Regisseur auf fünf langen Seiten dokumentiert. So habe Wedel selbst durch ein Interview, das er zum Fall ‚Harvey Weinstein‘ gab, seine persönliche Lawine ins Rollen gebracht. Die ehemalige Schauspielerin Jany Tempel meldete sich aufgrund von Wedels Kommentar zur aktuellen #metoo Debatte bei der Zeit und erzählt ihre Geschichte.

Zwischen den Zeilen liest sich ein ungleiches Verhältnis von Mann und Frau, der schlichte Machtmissbrauch in einer Branche, in der dieser scheinbar schon immer so war. Doch unterm Strich bleibt die sexuelle Nötigung. Eine Straftat, bei der die Staatsanwaltschaft belastendes Material sammelt und in einem differenzierten Verfahren vor Gericht zu prüfen hat.

In diesem Fall aber hat eine Zeitung das Sammeln übernommen – die nun Staatsanwaltschaft und Richter zugleich sein will?
Es ist die Rede von Verdachtsberichterstattung, die eine Vorverurteilung des Betroffenen auslösen und somit dessen Reputation gefährden kann. Als „digitale[n] Pranger“ und „historische[n] Rückschritt“ beschreibt die Strafrechtlerin Prof. Monika Frommel in einer Talkshow die aktuelle Situation, der sich Wedel ausgesetzt sieht. Die BILD berichtet vom angesehenen Star-Regisseur, der nun zum „verabscheuungswürdige[n] Monster“ würde. In der Bunten wird ein Interview mit dem Regisseur Simon Verhoeven abgedruckt, der Wedel als „Sadist, ein[en] brutale[n] Gewalttäter“ beschreibt und FocusOnline stellt die Frage, was dran sein mag, am „Tyrann“-Wedel?

Der Filmemacher selbst spricht in seiner Stellungnahme, die als Antwort auf die Recherche des Zeitmagazins exklusiv in der BILD erscheint, deutliche Worte gegenüber der Pressearbeit:

In diesem Klima der Vorverurteilung, der sogenannten ‚Verdachtsberichterstattung‘, die auf keine erwiesenen Fakten gestützt sein muss, kann ich den Kampf um meine Reputation nicht gewinnen – weder mit juristischen Mitteln noch mit medialen Stellungnahmen.

Mit dieser Äusserung wertet Wedel den Artikel bewusst ab und setzt ihn gleich mit Gerüchten und Vermutungen. Er kritisiert das journalistische Handwerk und stellt die Sorgfaltspflicht, der sich der Medienschaffende im Pressekodex verschreibt, in Frage. So wird in den Publizistischen Grundsätzen die Recherche als ein „unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt“ zitiert und daran erinnert, dass „unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen […] als solche erkennbar zu machen“ sind. Mit seinem Vorwurf spricht Wedel sowohl eine moralische als auch eine juristische Grauzone mit großem Ermessensspielraum an.

Die transparente Recherche der Zeit Redaktion lässt zwar wenig Spielraum für juristische Angriffe, jedoch für eine ethisch moralische Diskussion. Ist der Schauplatz der Öffentlichkeit der richtige Ort zur Beurteilung verjährter Taten, bei denen Aussage gegen Aussage steht? Vermutlich stand die Redaktion vor einer sehr ähnlichen Fragestellung und hat diese nach zwei Monaten der Recherche und über 50 Befragten mit einem ‚Ja‘ beantwortet. Dass es zu einer so tief gehenden Recherche kommt, erklärt Chefredakteur Christoph Amend schlichtweg mit dem Leitbild der Zeit – damit, dass dieses Format für genau diese Art von Qualitätsjournalismus stehe. Es galt keine dünne Beweislage möglichst massentauglich aufzubereiten und unter dem Deckmantel eines öffentlichen Interesses an den Mann zu bringen. Vielmehr wurde der Versuch unternommen, das, was im Journalismus unter Kompetenz und Verantwortung verstanden wird, umzusetzen. Amend gibt zu bedenken, ob es als Journalist nicht seine Pflicht sein müsse, aufzuklären. Vor allem, um solche Fälle in Zukunft vermeiden zu können. Damit benennt er eine Verantwortung, der es in einer modernen transparenten Mediengesellschaft nachzukommen gilt, um der Laienkommunikation eine Unterscheidung abzufordern und dem Ursprung journalistischer Arbeit – dem professionellen Informieren durch Fach- , Vermittlungs- sowie Sachkompetenz gerecht zu werden. Es ist erforderlich, sich seiner Funktion als Medium, als auch seiner Autonomie bewusst zu sein, um gesellschaftliche Themen einordnen, verarbeiten und veröffentlichen zu können.

In den Artikeln ‚Im Zwielicht‘ und ‚Der Schattenmann‘ werden die Wege der Recherche daher aufgezeigt und die abgedruckten Geschichten der Betroffenen als solche benannt.

Wir haben uns das Vorgehen von Ermittlern zum Vorbild genommen und anschließend das Ergebnis von mehr als zwei Monaten Recherche und fast fünfzig Befragungen gewürdigt. Danach mussten wir das Tatgeschehen für hochwahrscheinlich halten. Daher berichten wir.

Eine Aussage, die man unter dem Begriff des Funktionsbewusstseins zusammen fassen kann, sprich der „Fähigkeit und Bereitschaft, über das eigene kommunikative Handeln und dessen Einfluss kompetent nachzudenken“. Dem Rollenverständnis des Journalisten kommt dabei eine besondere Funktion zu und entscheidet mit darüber, in welcher Form der produzierte Content beim Konsumenten seinen eigentlichen Anfang findet.

In welcher Rolle nehme ich mich als Journalist wahr? Welche Anforderungen stellt die Redaktion als „ein Integrationsraum mit hoher Verantwortung“ an mich? Ein Wechselspiel aus distanzierter Selbstbeobachtung und der Wahrnehmung gesellschaftlicher Teilsysteme unter dem Mantel der Objektivität. Die verschiedenen zur Verfügung stehenden Darstellungsformen können dabei einen helfenden Rahmen bilden, dem eigenen Anspruch als auch dem der Gesellschaft gerecht zu werden. Unter der so genannten Handlungsrolle werden „die Gesamtstrategien (Haltung), an denen sich Journalisten orientieren, wenn sie beobachten und beschreiben“, zusammengefasst. Die stellvertretende Chefredakteurin der Zeit, Simone Rückert vergleicht die Recherche mit der Arbeit eines Ermittlers. Eine Form des Journalismus, die über das ‚bloße‘ Informieren hinaus geht und deren Kern in der hartnäckigen Recherche liegt. Eine Handlungsrolle, die als ‚Enthüllungsjournalismus‘ oder auch als ‚vierte Gewalt‘ bezeichnet wird.

Gerade im ‚Fall Wedel‘ scheint Pressearbeit neben der Legislative, Judikative und Exekutive eine beinahe gleich bedeutsame Funktion erfüllt zu haben. Denn die Arbeit der Journalisten hat Macht und Folgen für den ‚Angeklagten‘ und seine vermeintlichen ‚Opfer‘. Investigativer Journalismus „erfordert höchste Ansprüche an das Können und Durchhaltevermögen des Journalisten, da es sich meist nicht nur um skandalöse sondern auch um demokratiegefährdendes Fehlverhalten der Entscheidungsträger im Land handelt“. Die beiden Artikel der Zeit verhandeln sowohl moralisch, wie auch juristisch relevante Vorkommnisse, die einmal mehr diskutiert werden müssen, auch wenn die beklagten Taten aufgrund von Verjährung nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden können.

Im Fokus steht also eine Notwendigkeit der Aufklärung über „hochaggressive sexuelle Attacken“, bei der Machtmissbrauch und fehlende Gleichberechtigung Hand in Hand gehen mit Erniedrigung und sexueller Nötigung. Dabei sind es nicht ausschließlich die seelisch, wie körperlich zu Schaden Gekommenen, die sich über das Medium der Zeit zu Wort melden und öffentlich anklagen. Es sind ehemalige Mitarbeiter unterschiedlichen Geschlechts und Ressorts im Bereich der Filmbranche, die belastende Aussagen gegen Wedel abgeben. Kameraleute, CasterInnen, aber auch Familienmitglieder der Opfer sprechen über ihre Erfahrungen mit dem einstigen Star-Regisseur. „Unbeteiligte Dritte, Kollegen und Lebensgefährten, welche die unmittelbaren Folgen der Angriffe zeitnah mitbekommen hatten, wurden einvernommen“.

Inhaltlich und formal lässt sich in der Recherchearbeit der Zeit ein sachgerechter Umgang mit den Aussagen der Befragten feststellen. Die Absage von Wedels geplanter Stellungnahme im Interview mit der Zeit wird thematisiert und seine schriftlich nachgereichten Dementi in Ausgewogenheit und Wortlaut aufgeführt. Die Berichterstattung der diversen Vorfälle wird mit dem begründeten Interesse der Öffentlichkeit legitimiert. Zudem werden die Grenzen, die der Gesetzgeber mit dem Begriff der Verdachtsberichterstattung setzt, eingehalten.

Dieter Wedel hatte die Möglichkeit, sich zu äußern und seinen ‚digitalen Pranger‘ zu nutzen, um Stellung auf Augenhöhe zu beziehen. In einem Medium der Öffentlichkeit, das ihm einst zu Ruhm verhalf, jedoch auch den Schattenseiten einer Karriere Rechnung trägt und hinter die Kulissen blickt.

Die Verhandlung in der Öffentlichkeit ist zu einer Diskussion entbrannt, die sich nicht mehr ’nur‘ um eine Person, um einen Fall dreht, der strafrechtlich in seiner Gänze nicht mehr verfolgt werden kann, vielmehr liefert er ein makaberes Fallbeispiel im Kampf gegen Machtmissbrauch und alltägliche sexuelle Belästigung. Es werden Missstände offen gelegt, die, eingelassen in eine weltweite Debatte, nun Gehör finden. Ein Fakt, der nach einer kritischen, inhaltlichen Betrachtung der Berichterstattung in Bezug auf seine Verantwortung und Grenzen, für sich sprechen sollte.

Es ist nun mehr als an der Zeit, zu diskutieren, wie es sein kann, dass über Jahrzehnte hinweg vor den Augen unzähliger Menschen ein solcher Machtmissbrauch geschehen kann, ohne dass ein Eingreifen seitens der direkt Betroffenen, als auch der Mitwissenden erfolgt ist.

Es mag nun ein Leichtes sein, über vergangene ‚goldene Zeiten‘ der deutschen Fernsehfilmbranche zu sinnieren und junge Schauspielerinnen für ihre Naivität und anschließende Furcht vor den Folgen einer Anschuldigung gegenüber einem derart mächtigen und zugleich angesehenen Filmemacher zu verurteilen. Hilfreich wäre es hingegen eine gesellschaftliche Revolution in der Varianz qualitativer Berichterstattung zu erkennen.

Im Fall Wedel zeigt die hartnäckige und tief gehende Recherchearbeit der Presse wieder einmal, dass sie eine notwendige Ergänzung zu den juristischen Institutionen unserer Gesellschaft darstellt. Dass sie eine ‚vierte Gewalt‘ sein kann und unter Einhaltung ihrer Professionsstandards auch sein muss. Dazu braucht es die Art von Redakteuren, von denen Klaus Kleber beinahe schwärmt in seiner kurzen Abhandlung mit dem passenden Titel ‚Rettet die Wahrheit‘. Es braucht neben seinen erlernten und geschulten journalistischen Kompetenzen, Gespür und Feingefühl, eine derartige Recherche zu starten und die ‚Gunst‘ der Zeit zu nutzen. Durch die mediale Unterstützung der Me-too-Debatte ist genau jetzt die Sensibilität gegeben, die notwendig ist, um den Fall Wedel weiterzudenken, um in Zukunft etwas verändern zu können. Um Gegebenheiten, die schon immer so waren, wie der alltägliche Machtmissbrauch oder eine Prozessordnung, die seit 1945 zwar Mord nicht mehr verjähren lässt, sexuelle Gewalt jedoch schon, zu hinterfragen.

In Zeiten des größten Umbruchs innerhalb des journalistischen Gewerbes, gilt es eine klare Stellung zu beziehen in Bezug auf demokratische und ethische Prinzipien, die durch die Hervorbringungen der Digitalisierung, den sozialen Medien und den populistischen Exkursen stärker denn je gefährdet sind. Das Entwickeln und Beibehalten eines Bewusstseins für die eigene Profession in Form, Inhalt, wie Qualität und das damit verbundene Abfordern von Unterscheidungsmerkmalen gegenüber den sozialen Medien kann zu einem Miteinander innerhalb der deutschen Medienlandschaft beitragen.

Der Film ist nicht dafür erfunden worden, von der Welt abzulenken, sondern auf die Welt hinzuweisen. (Wim Wenders)

Ein Zitat eines großen Filmemachers, das in diesem Fall nicht widersprüchlicher sein könnte und einmal mehr zum nachdenken anregen sollte.

 

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