Sprünge aus schwindelerregender Höhe

…statt der Telefonkonferenz vom sicheren Schreibtisch aus – Berufsprofil Stuntman.

FOTO Schauspieler Jürgen Vogel (links) und Stuntcoordinator Rainer Werner (rechts) vor einem Klippensturz für die Dreharbeiten von DER MANN AUS DEM EIS.

Knöpfe im Ohr aller Beteiligten. Die auf dem Asphalt liegende Asche der letzten Probe verliert sich im Licht der Pylonen. Wasser tropft von den gleißend schimmernden Schienen, die in ihrer Fortführung den Blick zum Kameramonitor frei geben. Von großen Strahlern erleuchtet, entsteht eine Welt für Sekunden – das Film Set. Der Arbeitsplatz des Stuntman.

BERLIN – Was im Kindergarten den ersten Wunsch der Kleinen markiert, verändert sich meist spätestens mit den Erfahrungen der verpflichtenden Schulpraktika. Der in Gedanken heldenhafte Feuerwehreinsatz, das gefüllte Konto des Chefarztes oder der vor Testosteron strotzende Stuntman treffen auf die Realität. „Professionelle Stuntarbeit besteht nicht nur aus körperlichen Aspekten“, erzählt der gebürtige Berliner Stuntman und Koordinator Rainer Werner. Amüsiert über die vorherrschende Idee dieses von Männern dominierten Berufsbildes, macht er auf die Vielschichtigkeit dieser Tätigkeit aufmerksam. Was oft in Vergessenheit gerate, sei die Notwendigkeit des Verständnisses für die Entstehung eines Filmes. So führe man den Abstieg an einer Hauswand auch erst dann durch, wenn man sich zuvor mit seinem Material vertraut gemacht habe. Das gleiche Prinzip gelte für die Arbeit am Set. Die für einen Film geplante Schlägerei, könne erst dann choreographiert und trainiert werden, wenn die Rahmenbedingungen, der filmische Ablauf, ins Blut über gegangen seien, so Werner.

Ein vorgegebener Ausbildungsweg für Stuntleute existiert bis heute nicht. Der Einstieg erfolgt zumeist über bereits existierende Stuntunternehmen, die geeigneten Nachwuchs mit ihrer Erfahrung und dem dazugehörigen Training ausbilden. Ob der actionlastige Beruf sich als passend erweist, zeigt sich den körperlich sehr fitten Bewerbern in den vielen „Learning by doing“ Momenten mit ihren Kollegen. Zuverlässigkeit, Disziplin und Teamfähigkeit sind dabei unabdingbar. Einen großen Bestandteil des Berufes bildet das Doubeln von Schauspielern. Ein damit verbundenes Mindestmaß an schauspielerischem Talent und Kreativität sind Voraussetzung für erfolgreiche Einsätze am Set. „Vorbereitung, Training und intensive Betreuung der Schauspieler vor und während der Dreharbeiten sind genauso selbstverständlich wie die Einhaltung höchster Sicherheitsstandards“, erklärt Werner. Die Entwicklung und Realisation der im Drehbuch beschriebenen Actionszenen bilden mit der zuverlässigen Durchführung und kompetenten Fachberatung den Kern der zu leistenden Arbeit. Dabei unterliegt der Gehaltsspielraum im freiberuflichen Metier innerhalb der Filmbranche verschiedensten Kriterien. Es spielen sowohl die finanziellen Mittel des Auftraggebers, als auch der inhaltliche sowie zeitliche Aufwand eine Rolle. Das Haifischbecken des freien Marktes ist ein essenzieller Bestandteil dieses Berufsbildes. Eine sehr variable Auftragslage und andauernder Konkurrenzkampf paaren sich mit möglicher Existenzangst und bringen auch die routiniertesten Stuntmänner wie -frauen, ganz ohne waghalsige Abstürze von Hochhäusern, ins schwitzen. Die Magie jedoch, seinen Beruf zur Berufung machen zu können und Tag für Tag, Leidenschaft wortwörtlich entflammen zu lassen, wiegt meist mehr. Wenn die Neugier und das Feuer einmal entfacht sind.

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